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Wie die Mongolen zu ihren Märchen gekommen sind

Illustration: Waltraud-Fischer

Es wird erzählt: Vor vielen, vielen Jahren litten die Mongolen unter einer Pockenepidemie. Die Menschen siechten dahin und starben. Aus den Jurtendächern stieg kein Rauch, denn es war niemand mehr am Leben, der hätte heizen können. Wer sich noch gesund fühlte, floh in die Steppe.

Der fünfzehnjährige Tarwaa war der einzige Überlebende einer großen Familie, die am westlichen Hügel gewohnt hatte. Traurig und verzweifelt stand er neben der verwaisten Jurte. Warum haben Eltern und Geschwister mich allein zurückgelassen? Was soll ich noch auf dieser Erde? Dachte er immerfort und  weinte.

Eines Tages fiel er vor Kummer ohnmächtig zu Boden. Da verließ seine Seele den Körper und machte sich auf den Weg ins Totenreich.

Der König der Unterwelt, Erlik Chaan, schaute ihr verwundert entgegen. Er hatte sie nicht rufen lassen. „Warum bist du hier?! Fragte er. „Deine Zeit ist noch nicht gekommen.“ Die Seele seufzte: „Der junge Mensch, zu dem ich gehöre, jammert und  klagt den ganzen Tag, weil die Seuche all seine Lieben  dahingerafft hat. Ich kann es nicht mehr ertragen, wie der Arme den Tod herbeisehnt. Um sein Leid zu beenden, habe ich mich davongemacht.“

Diese Worte rührten den Totenkönig, und  freundlich sagte er: „Kehre zurück in den Körper des Jungen, seine Lebenszeit ist noch lang. Doch weil du ihn  aus Mitleid verlassen hast, will ich dir ein Geschenk machen. Wähle dir von meinen Schätzen, was dir gefällt.“

Erlik Chan schritt durch sein großes Reich, und die traurige Seele folge ihm. Sie sah all die Dinge, die das Leben der  Menschen schön und schwer machen. Da waren Reichtum und Wohlergehen, Glück, Freude, Vergnügen, Kummer und Tränen, Laster, Betrug, auch Musik und Tanz – und Märchen. Lang schaute die Seele  des Knaben umher. Schließlich bat sie um die Märchen. Der König der Unterwelt  war einverstanden und  sandte seinen Gast auf die Erde zurück.

Als die Seele bei dem ohnmächtigen Tarwaa wieder angelangt war, hatten ihm bereits die Krähen die Augen  ausgehackt. War sie zu spät gekommen? Ratlos schwebte sie über dem Jungen. Dann senkte  sie sich in seinen Körper und beseelte ihn wieder.

Sochor Tarwaa oder der blinde Tarwaa, wie er nun genannt wurde, wanderte durch seine Heimat. Wohin er kam, erzählte er Märchen und Legenden. Alle, die ihm zuhörten, erfreute und ermahnte er durch seine Geschichten. Weil so oft von Hoffnung und Ängsten der Menschen die Rede war, gingen die Erzählungen von Mund zu  Mund,  wurden reicher und bunter und wurden zum Schatz des Volkes. So sind die Mongolen zu ihren Märchen gekommen.

 

aus: Solombo Chan. Mongolische Märchen.
Übersetzt, nacherzählt  und  illustriert von Waltraut Fischer.
Berlin: Verlag Der Morgen 1989.