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Wie wirkt Erzählkunst?

Illustration Transkulturalität U. Breinl
© U. Breinl

Erzählen erheitert, erinnert, ergreift, erfreut, erleichtert, ermutigt, ermuntert und entspannt. Erzählkunst fördert die Phantasie, stiftet Gemeinschaft und Sinn, hilft beim Spracherwerb, erweitert den Wortschatz, und wirkt nicht zuletzt transkulturell.

Erzählkunst fördert die Phantasie und stiftet Gemeinschaft

Vor allem anderen regt Erzählkunst die Phantasie an. Sowohl die Erzähler*in als auch die Zuschauer*innen wandern gemeinsam zwischen den Welten, sind körperlich zusammen am Ort der Aufführung und zugleich am Ort der Handlung in der Geschichte, erleben mit allen Sinnen mit, was die Held*innen erleben, sehen die beschriebenen Landschaften, die Räume. Sie verbinden sich emotional mit den handelnden Figuren und dem Geschehen.

Anders als in einem Film, sehen die Zuschauer*innen aber keine vorgefertigten Bilder, sondern kreieren anhand der Worte der Erzähler*in ihre eigenen Bilder als „Kino im Kopf“. Das ist in einer Zeit, in der vor allem Bildschirme und fertige Bilder den Alltag und die Kunstlandschaft prägen, eine ungewohnt anregende und zugleich entspannende Aktivität.

Durch die Reduktion auf einen Bezugspunkt, nämlich den der Erzähler*in, durch die menschliche Nähe, die beruhigende Stimme, erleben Viele das Erzählen als erholsam und gegen Stress wirksam. Auch Menschen, die leicht abgelenkt sind, vor allem Kinder, können sich gut konzentrieren und fokussieren.

Weniger anstrengend als beim Lesen schafft jede*r Zuschauer*in sich seine imaginäre Welt kraft seiner Phantasie, nach seinen eigenen Kenntnissen, Wünschen, Vorlieben, Ängsten und Erfahrungen. Deshalb gibt es zwar nur eine Geschichte, aber unzählige Versionen in den Köpfen von Erzähler*innen und Zuschauer*innen.

Bei wem diese eigenen Vorstellungswelten geweckt wurden und mit ihnen die persönlichen Erinnerungen, der möchte sie auch mitteilen und ist neugierig auf die Assoziationen und Erinnerungen anderer Menschen. So entstehen nach Erzählveranstaltungen oft Gespräche zwischen zuvor fremden Menschen, weil man sich einander verbunden fühlt durch die eben gemeinsam erlebten Abenteuer, durch das gemeinsame Mitfiebern und Lachen.

Die Erzähler*innen mischen sich gern unter das Publikum, vor oder nach dem Auftritt, oder auch in den Pausen. Oft entstehen Gespräche von einer besonderen Vertrautheit, denn man glaubt sich schon lange zu kennen. Bei der Erzählkunst gibt es schon während der Aufführung die sogenannte 4. Wand nicht, die im Theater das Publikum von den Künstler*innen trennt.

Erzählkunst wirkt transkulturell

Erzählkunst gibt es überall auf der Welt. Sie hat in der Vergangenheit kulturell sehr unterschiedliche Präsentationsformen entwickelt. Das Rakugo in Japan unterscheidet sich von den Auftritten der Griots in Westafrika und diese wiederum von der druidischen Erzähltradition. Kaffeehauserzähler in Nordafrika erzählen anders und Anderes als die Inuit. Durch den Austausch auf internationalen Festivals, durch reisende und forschende Erzähler*innen, durch die allgemeine Migration sind nicht nur traditionelle Geschichten auf der ganzen Welt gereist, sondern auch die kulturell unterschiedlichen Ausprägungen der Erzählkunst. Formen und Rituale wurden in der Vergangenheit und werden weiterhin von zeitgenössischen Erzähler*innen übernommen und mit in der eigenen Kultur üblichen Formen darstellender Kunst verbunden. Auch die Veränderungen im medialen Erzählen beeinflussen selbstverständlich die Kunst des mündlichen Erzählens.

Die Erzähler*innen des Vereins Erzählkunst denken diese sich ständig verändernden kulturellen Einflüsse in ihren Aneignungsprozessen von Geschichten und Darstellungsformen mit. Sie verstehen sich nicht als Vertreterinnen EINER Kultur, oder einer festen, alten Tradition, sondern sehen sich als Träger*innen und Produzent*innen verschiedener Kulturen.

Traditionelle Geschichten haben auf der ganzen Welt ähnliche Inhalte. Die gleichen Motive und Handlungsverläufe finden sich überall wieder – nur in einem anderen Gewand. Landschaften, Mahlzeiten, Herrschaftstitel ändern sich, aber der Plot bleibt der gleiche. Die Erzähler*innen vermitteln einen respektvollen Umgang mit anderen Kulturen. Sie wecken Neugier auf andere Kulturen. Durch die Ausgestaltung der Geschichten stellen sie deren Bräuche und Sitten vor. Oft streuen die Erzähler*innen auch Originalsprachen und Dialekte in den Geschichtenanfang oder die Dialoge ihrer Figuren ein. Und manchmal verraten sie auch, auf welchen Wegen die Geschichte zu ihnen gekommen ist.

Da im Kern der Geschichten universale Menschheitsthemen behandelt werden, lassen sich die  Zuschauer*innen auch auf  Held*innen aus anderen Kulturen emotional tief ein. Das kann Vorurteile abbauen und neugierig machen auf Fremdes. Ist das Publikum heterogen und erlebt, dass alle Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht und Herkunft um sie herum in gleichem Maße mit der Geschichte mitgehen, baut das mögliche Barrieren untereinander ab.

Das multilinguale Tandem-Erzählen verstärkt die transkulturelle Wirkung noch, indem die Erzähler*innen eine Geschichte parallel in verschiedenen Sprachen erzählen. Das Publikum wird Zeuge einer improvisierten und funktionierenden Kommunikation zwischen zwei oder mehr Akteur*innen, von denen ein*e die andere Sprache kaum oder gar nicht beherrscht. Alle Sprachen zeigen zeitgleich ihre poetische Strahlkraft und Schönheit. Mittels eines virtuosen Spiels zwischen der vertrauten und den fremden Sprachen bauen die Erzähler*innen Verständnisbrücken, ergänzt durch Mimik und Gestik, sodass das Publikum die Geschichte versteht, auch wenn es die Sprache nicht versteht.

Erzählkunst fördert Spracherwerb und Wortschatz

Der Verein Erzählkunst engagiert sich stark in der Sprachförderung durch das freie mündliche Erzählen. Erzähler*innen arbeiten in Schulen und Kitas mit einem hohen Anteil von Kindern, die entweder nicht muttersprachlich deutsch sprechen oder bei denen zuhause nicht viel oder nur ein rudimentäres Deutsch gesprochen wird. Seit einigen Jahren kommen die Willkommensklassen und Flüchtenden-Unterkünfte hinzu. Die Mitglieder des Vereins führen auch erzählpädagogische Projekte durch.

Die Verbindung von gesprochenem Wort mit gleichzeitiger Gestik, Mimik und Bewegung unterstützt das Erlernen und Weiterentwickeln von Sprachkompetenzen. Durch wiederholtes Erzählen, Zuhören und Weitererzählen erlernt man eine Sprache wie eine Muttersprache. Die Erzähler*in ist Sprachvorbild und vermittelt Lust an der Sprache. In den Geschichten geht es um Wunder, Witz und Weisheit. Während die meisten Geflüchteten und Migrant*innen im Alltag vorwiegend mit der technischen Seite der deutschen Sprache konfrontiert sind, mit Anleitungen, Bewerbungen, Formalitäten, Vorschriften und einem auf Grammatik und Schriftlichkeit fokussierenden Unterricht, lernen sie in den Erzählzeiten die poetischen Seiten der Sprache kennen. Sie können sich zurück lehnen und entspannt die deutsche Sprache genießen und spielerisch nachahmen.

Der dramaturgische Aufbau mündlich erzählter Geschichten ist einfach. Es gibt keine großen Zeitsprünge, Retrospektiven und Verschachtelungen wie in der Literatur. Der Satzbau ist ebenso einfach gehalten. Vor allem in den traditionellen Geschichten spielen Wiederholungen von Handlung, Phrasen und Worten eine zentrale Rolle,  so dass auch Zuschauer*innen, die nicht alles oder fast nichts verstehen, den Geschichten folgen können. Manche Erzähler*innen verwenden bei einem Publikum, das gar keine Sprachkenntnisse hat, Hilfsmittel wie beispielsweise das Kamishibai, ein japanisches Papiertheater, oder während der Erzählung schnell auf Papier skizzierte Bilder.

Auch das dialogische Prinzip ermutigt die Zuschauer*innen, aktiv sprachlich an der Gestaltung der Geschichte mitzuwirken. Das Publikum spricht Textstellen mit, antwortet auf Fragen, löst Rätsel, gibt Kommentare ab oder wird zum Mitsingen eingeladen. Nicht zuletzt kann sich die Erzähler*in durch den direkten Augenkontakt  immer wieder beim Publikum rückversichern, dass sie verstanden wird, was beim Vorlesen eines Buches nicht möglich ist, da die Vorleser*in ihre Aufmerksamkeit auf das Buch konzentrieren muss.

Das Verstehen und Wiedergeben der Geschichte weit über das eigene Sprachlernlevel hinaus schafft Befriedigung und führt zu dem Selbstbewusstsein, die Sprache meistern zu können. Das wiederum löst Glücksgefühle aus, die beim weiteren Lernen helfen.

Aber nicht nur für Lernende einer fremden Sprache erschließt das Erzählen einen unbekannten oder zumindest nicht aktiv vorhandenen Wortschatz. Auch Muttersprachler*innen sind viele Wörter und Begriffe nicht (mehr) bekannt: Sprichwörter und Wendungen, die nicht mehr üblich sind, und die in den volkstümlichen Erzählungen oft enthaltenen alten Berufsbezeichnungen, Tätigkeiten, Bräuche, Materialien, (Arbeits-)geräte, Pflanzen- und Tierarten. Nicht zuletzt bereichern auch Wortneuschöpfungen der Erzähler*in den persönlichen Sprachschatz der Zuschauer*innen auf lustvolle Art!

Erzählkunst stiftet Frieden und Sinn

Erzählkunst entsteht vor allem im Miteinander im Moment der Aufführung und ist deshalb eine Kunst, die das Publikum nicht als Konsumenten begreift, sondern als Akteure. Die  Zuschauer*innen erschaffen vor ihrem inneren Auge Bilder, ohne sich dessen bewusst zu sein. Diese zwanglose Kreativität bewirkt, dass das Individuum zufrieden und gestärkt aus einer Erzählveranstaltung hinausgeht. Die geschaffenen Traumbilder können dabei helfen, innere ungelöste Konflikte zu erkennen und aufzulösen. In Konflikten mit anderen können Geschichten zu einem Verständnis der Gegenseite beitragen. Erzählen bringt Fremdes nahe, so dass sich auch soziale Ängste lösen können.

Das erklärte Ziel der Erzählkunst ist nicht die Provokation des Publikums, sondern die Aussöhnung der Zuschauer*in mit sich selbst und mit anderen. In diesem Sinn ist Erzählkunst friedensstiftend.

Auch wenn manche Geschichten von ihrem Inhalt her zutiefst schockierend sein können, zielen sie letzten Endes doch auf Katharsis, die reinigende Kraft der Erlösung, ab. Anders als im Theater, im Kino oder in Computerspielen wird die Gewalt nicht konkret dargestellt, sondern die Kreation der imaginären Gewaltdarstellungen geht nur so weit, wie sie für das Individuum im Moment erträglich erscheint. Erzählkunst zelebriert Gewalt auch nie zum Selbstzweck und thematisiert die real-psychologischen Auswirkungen auf das Opfer nicht. Die meisten traditionellen Geschichten enden darüber hinaus gut, mit einer Selbstermächtigung der Held*in, oder falls es für diese schlecht ausgeht, mit einer moralischen Anleitung zum richtigen Leben.

Die Erzähler*innen selber dagegen geben keine eigenen Moralvorstellungen weiter, fügen nicht ihre Meinung hinzu. Sie wollen das Publikum nicht manipulieren, um es in eine bestimmte Richtung zu lenken, sondern lassen die Geschichte bedeutungsoffen. Die Deutungshoheit verbleibt immer bei den Zuschauer*innen!

Die Erzähler*in trägt aber die Verantwortung, ihr Publikum nicht zu überfordern. Das ist speziell für kleinere Kinder wichtig. Spannend darf es natürlich sein, aber eben nur so weit, wie es im Bereich der lustvollen Angst bleibt. Hier ist der Moment der Improvisation wieder sehr entscheidend. Wenn eine Erzähler*in merkt, dass jemand Angst bekommt, kann sie die Gewalt reduzieren, kann sie auf eine Weise überzeichnen, dass es lustig wird, und sie kann mit ihren Blicken schon das Versprechen senden, dass es für die Held*in gut ausgehen wird.