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Wie erzählen wir?

© U. Breinl

Die Kunst des Erzählens entfacht ihren Zauber in einem schlichten Setting: Es braucht keine Requisiten, kein Bühnenbild. Es reicht ein Minimum an Licht und Raum. Die Kunst des Erzählens liegt in der wortgewandten Ausdruckskraft, mit der die Erzähler*in die Bilder der Geschichte im Moment aus sich hervor holt. Mit ihrer Performance entfacht sie die Phantasie des Publikums. In der Verbindung zwischen Erzähler*in und Publikum, in ihrem Miteinander entsteht eine Magie, die wir als „gemeinsam wach träumen“ beschreiben.

Text und Sprache

Erzählen ist kein Vorlesen. Eine Erzähler*in hält kein Buch in der Hand, sie hat noch nicht einmal einen festen Text. Manche der erzählten Geschichten sind nie in einem Buch festgehalten worden! Dennoch verwendet die Erzähler*in in der Regel eine vom Alltag abgehobene, poetische Sprache. Im Deutschen wird oft das literarische Präteritum verwendet, da es als Verb am Anfang des Satzes steht, weniger Silben und einen vollen Klang hat. In anderen Sprachen, wie zum Beispiel im Türkischen, gibt es für das Erzählen sogar eine grammatikalische Sonderform.

Bis auf die eingestreuten Reime, Sprüche und Lieder lernt die Erzähler*in keinen geschriebenen Text auswendig, sondern schöpft ihren Text im jeweiligen Live-Moment neu. Sie ist nur an den Leitfaden der Geschichte gebunden – an den Fluss der inneren Bilder, die sie vor dem Auftritt im Detail erarbeitet hat.

Von der Recherche bis zur fertigen Geschichte

Vor der Aufführung ist die Erzähler*in meist schon einen weiten Weg mit ihrer Geschichte gegangen. Alles beginnt mit der richtigen Auswahl. Eine Geschichte muss etwas auslösen, berühren, die Gedanken anregen. Wenn sie nichts entfacht, kann sie nicht erzählt werden.

Ist die Geschichte gefunden, fängt die Erzähler*in an, sie dramaturgisch zu bearbeiten. Dafür gibt es verschiedene Methoden wie Dramaturgie-Modelle, Storyboards, Landkarten der Handlungsorte, emotionale Schaubilder der Hauptfiguren. Schließlich memoriert sie ihre Version bildhaft, probt sie laut, bis ein innerer Film, gebunden an die eigene Sprache, entsteht.

Ist die Geschichte im Gedächtnis abgespeichert, gehört sie zum Repertoire. Professionelle Erzähler*innen haben ein großes Repertoire von jederzeit abrufbaren Geschichten, aus denen sie gegebenenfalls während eines Auftritts spontan wählen können.

Mit jedem Auftritt wächst auch die Geschichte. Die Erzähler*in greift Bilder, die ihr während des Erzählens spontan eingefallen sind, sowie Kommentare der Zuschauer*innen auf und verleibt sie der Geschichte ein. So reift die persönliche Version und verändert sich über die Jahre immer weiter.

Die Aufführung

Auf der Bühne steht die Erzähler*in in dauerndem Kontakt mit dem Publikum. Sie navigiert durch die Geschichte. Das wichtigste Instrument dabei ist ihre Stimme. Mit ihr kann sie ein ganzes Spektrum von Dramatisierung kreieren, durch Tonlage, Lautstärke, Geschwindigkeit, Rhythmus, Betonung, Dehnen von Vokalen und ganz wichtig: Pausen! Neben dem Sprechen bietet die Stimme auch das Spiel mit Tönen und Gesang.

Diesen Facettenreichtum ergänzen noch zusätzlich die Möglichkeiten der Gesten. Mit ihnen kann die Erzähler*in abstrakte Begriffe deutlich machen, z.B. Gerechtigkeit, indem sie mit beiden Händen abwiegt. Überdies können Gesten zum sprachbegleitenden Rhythmusinstrument werden.

Zu Stimme und Gestik gesellen sich die Körperhaltung und die Mimik. Durch eine kleine Änderung der Haltung, der Mimik und Stimmlage lassen sich die handelnden Figuren der Geschichte holzschnittartig und leicht wiedererkennbar zeichnen.

Zur Mimik gehört natürlich auch der Blick: Die Augen erzählen das nicht Darstellbare – die Gefühle. Sie zeigen Empathie mit den Held*innen der Geschichte – und mit den Zuschauer*innen. Erzähler*innen blicken nicht über das Publikum hinweg. Sie schauen es direkt an und nehmen es wahr. Erzählen ist wie ein Gespräch.

Interaktion mit dem Publikum

Improvisation ist ein wesentlicher Bestandteil des künstlerischen Erzählens. Neben dem Erschaffen der Textversion im Hier und Jetzt gehört dazu auch die Interaktion mit dem Publikum.

Die Erzähler*in kann an jeder Stelle aus der Geschichte hinaus- und in den direkten Dialog mit dem Publikum hineintreten, kann die Stimmung des Publikums aufgreifen, die aktuelle Situation einbeziehen, kann Kommentare des Publikums erwidern oder auch selbst zur Kommentatorin und Moderatorin werden, um schließlich dort den Faden der Geschichte wieder aufzunehmen, wo sie ihn losgelassen hat.

Darüber hinaus gibt es Techniken für die Verbindung zum Publikum, die ihren Ursprung im traditionellen Geschichtenerzählen haben, wie das Call&Response Prinzip. Bei dieser Technik wird entweder ein in der Community bekannter oder vorher vereinbarter Begriff als Ruf (Call) vom Erzählenden an das Publikum gerichtet, welches mit der dazu passenden Antwort (Response) reagiert. Ursprünglich aus Westafrika kommend gibt es zum Beispiel den gern genutzten Call „Crick!“, auf den das Publikum mit „Crack!“ antwortet. Oft wird Call&Response zu Beginn einer Performance ein- und durchgeführt, um das Publikum anzuheizen. Die Erzähler*in kann so herausfinden: Wie ist die Stimmung im Publikum? Wie weit ist es bereit aktiv zu werden? Dasselbe Call&Response kann auch jederzeit während der Performance wieder aufgenommen werden um zu schauen, wie sehr das Publikum noch am Ball ist.

Das Prinzip funktioniert aber auch ohne festgelegte Vereinbarung durch eine bestimmte Art der Pause, in der die Erzähler*in die Spannung hält und ein Stück (wiederkehrenden) Text dem Publikum überlässt. Es entsteht ein Ping-Pong-Spiel, das sehr unterhaltsam sein kann, und alle wie bei einem Konzert miteinander verbindet.

Multilinguales Tandem-Erzählen

Meistens tritt eine Erzähler*in alleine auf. Es gibt jedoch auch die Sonderform des Tandem-Erzählens, die im Verein Erzählkunst e.V. oft praktiziert wird, da viele Mitglieder mehrsprachig sind und das multilinguale Tandem-Erzählen einen großen Reiz ausübt.

Beim Tandem-Erzählen handelt es sich nicht um Übersetzungen, sondern um ein temperamentvolles Spiel zweier Sprachen und Akteure. Beim Tandem-Erzählen können die verschiedenen Sprachen ineinander fließen, sich überlappen oder zum Echo werden. Manchmal vermittelt das gestisch-mimische Spiel der Erzählenden Teile der Geschichte. Bei Dialogen kann auch erst die Antwort übersetzen, welche Frage davor in der anderen Sprache gestellt wurde.

Es gibt zahllose Mittel, mit denen die Erzähler*innen die fremde mit der vertrauten Sprache verbinden können. Die beiden Erzählstränge ergänzen sich dabei auf so sinnvolle Weise, dass die Fremdsprache vom Publikum verstanden wird, als ob es dieser mächtig wäre.