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Weltgeschichtentag 2019: Mythen, Legenden, antike Stars und ein Erzählautomat

Am 20. März war Weltgeschichtentag: An diesem Tag wird jedes Jahr rund um den Globus das freie mündliche Erzählen gefeiert. Unser Verein hat den Tag zum Anlass genommen, unsere Erzählkunst einem jungen und älteren Publikum vorzustellen, in einem 12-stündigen Erzählmarathon.

26 professionelle Erzählerinnen und Erzähler haben in 13 einzelnen Programmen an mehreren Schulen und auf zwei Berliner Bühnen von 9 Uhr morgens bis 22 Uhr abends erzählt, was das Zeug hielt bzw. die Geschichten hergaben. Das Motto des World Storytelling Day war dies Jahr „Mythen, Epen und Legenden“, deshalb standen die ewig jungen Mythen der „alten“ Griechen ebenso auf dem Programm wie Legenden aus aller Welt. Epen haben wir allerdings weggelassen – die sind zu lang…

Münze rein, Geschichte raus – der Erzählautomat

… statt epischer Breite gab es den Erzählautomaten für ganz kurze Geschichten, für Mini-Mythen und Legenden-Quickies. Wie bei einem Fotoautomaten: Münze rein, Geschichte raus – natürlich live, analog, und ganz exklusiv. Die Besucherin, der Besucher nimmt im Automaten Platz, wirft eine Münze ein und lauscht der Geschichte. Besucher*in und Erzähler*in sind dabei unter vier Augen. Man konnte wählen zwischen einer kurzen Geschichte für 50 Cent und einer etwas längeren Erzählung für 1 Euro. Ideal also, um mal ins Erzählen reinzuschnuppern, wenn man es noch nicht kennt.

Beichtstuhl, Peepshow, Zelt einer Wahrsagerin, Sänfte – der Erzählautomat hat die Besucher*innen zu vielen Vergleichen inspiriert und doch eine fürs Erzählen unvergleichliche Situation geschaffen: Wie in einem Kokon war man abgeschirmt von äußeren Störungen, war ganz drin in der Geschichte, im 1:1-Kontakt mit der Erzähler*in. Intim und kurz zugleich, das war durchaus herausfordernd für die Erzähler*innen, doch den Besucher*innen hat es gut gefallen. Der Erzählautomat ist nichts weniger als eine Weltneuheit, auch das muss hier mal gesagt werden!

(Foto: Christine Zeides)

Erzählen für Kinder und Jugendliche am Vormittag

Vormittags haben die Erzähler*innen für Kinder erzählt und sind dazu direkt in die Schulen gegangen. Nur das Programm „An den Himmel geworfen – Sternstunden in der griechischen Mythologie“ fand im Kulturzentrum Danziger50 statt und der Andrang war mit vier Klassen so groß, dass es zwei Mal hintereinander gezeigt wurde.

Die Erzählerinnen Nicola Knappe, Hannah Demtröder und Eva-Maria Schneider-Reuter folgten in „An den Himmel geworfen“ den Spuren der antiken Götter am Sternenhimmel. Das Erzähl-Trio näherte sich den Sternenbildern dreifach: über die historische Entstehung der Astronomie, mit Daten der modernen Physik, und vor allem in mythologischen Geschichten von den Göttern auf dem Olymp.

Das jugendliche Publikum war erstaunlich vertraut mit den antiken Superhelden, die bis heute in unseren Sternbildern verewigt sind. Am meisten angetan hatte es ihnen aber der Womanizer Zeus: „Boah, alle 7 Plejaden wollte der vernaschen?“

(Foto: Jürgens)

Aus dem Nähkästchen der Pandora erzählt

Die Erzählerinnen „Kalliopes Schwestern“ öffneten die „Büchse der Pandora“ in ihrem gleichnamigen Programm und holten Geschichten hervor, mythische und legendäre: Vom gierigen Midas, dem buchstäblich alles zu Gold wird, so dass er zu verhungern droht, weil man Gold nicht essen kann, und vom geläuterten Midas, der seine Eselsohren mit Würde zu tragen lernt. Von Tantalos, der den Göttern Zeus‘ Hund zum Essen vorsetzt, um zu beweisen, dass sie nicht allwissend sind – sie sind es und er wird mit ewigen Qualen bestraft. Die Legende von den Tieren, die überlegen, ob das Böse auf der Welt vom Hunger, der Liebe, dem Willen oder der Angst kommt. Und die Geschichte vom Tod, der als Überraschungsgast zur Geburtstagsfeier kommt und so trocken allerlei Kalauer übers Sterben macht, dass man ihn auch mal einladen möchte. Kalliopes Schwestern, die in ihrem Geschichten-Reigen zeigten, wie unterschiedlich Erzählen sein kann, sind die Erzählerinnen Astrid Kopp, Brigitte Rohrhuber, Johanna Wollin, Maria Biege, Susanne Anyanwu und Christine Zeides.

(Foto: DiLenz)

Legenden von Inseln

Irische Legenden erzählte Matthias Halbrock, über die Dichterfürsten Dellan und Senchan, deren Loblieder und Schmähgedichte im alten Irland berühmt und gefürchtet waren. Die Dichter lieferten sich damals auch Wettspiele in ihrer Kunst, was Halbrock mit dem Publikum in abgewandelter Form nachspielte: Es galt, Märchen nur anhand eines einzigen Satzes zu erkennen. Unsere Besucher*innen meisterten die Märchen-Rätsel mit Bravour!

(Foto: DiLenz)

Von der legendären aber wahren Suche nach einem sagenumwobenen Schatz erzählte Johanna Gerosch in ihrem Programm „Grabt weiter! Von unentdeckten Schätzen und dem Wagnis, nicht aufzugeben“. Der deutsche Schatzsucher August Gissler verbrachte 17 Jahre damit, auf Coco Island nach versteckten Kostbarkeiten zu graben. Er hinterließ die Insel schließlich durchlöchert wie einen Schweizer Käse, ohne Fund, doch immer noch an den Schatz glaubend. Seinem inneren Feuer und seiner Durchhaltekraft huldigte die Erzählerin, denn was wird aus uns, wenn der Zweifel siegt?

(Foto: Jürgens)

Abends nicht mehr jugendfrei: Sex und Gewalt in der antiken Mythologie

Gegen Abend wurde es dann immer weniger jugendfrei. So erzählte Sven Tjaben in seinem Programm „Kretische Mythen mit Starbesetzung“ von der Zeugung des Minotaurus, ein Wesen halb Mensch halb Stier. Dahinter steckt mal wieder Eros, der in Königin Pasiphae Begehren für einen Stier entfacht, um deren Mann Minos zu strafen, der den Stier nicht den Göttern opfern wollte. Den (s)tierischen Höhepunkt beim Zeugungsakt steigerte Tjaben auch zu einem erzählerischen Crescendo: der Stier schnaufte, Pasiphae schrie, beide rollten samt Kuhattrappe, in der die Königin steckte, den Abhang hinunter, die Insel bebte, die Attrappe zerbarst, alle brüllten – neun Monate später kam der Sohn mit Stierhörnern auf die Welt.

(Foto: DiLenz)

Blutig und brutal war der Abschluss unseres Programms am Weltgeschichtentag – weil Mythen nun mal voller Bluttaten sind. Kristin Wardetzky lud ein zu einem „Parcours des Grauens – von Tantalos bis Iphigenie“, in dem sie in einem Gewaltmarsch quer durch die griechische Mythologie erzählte, wie Fluch und Blutrache Unheil über viele Generationen eines Geschlechtes bringen. Da schlachtet ein Mann seinen Sohn und setzt ihn den Göttern zum Essen vor, ein Vater vergewaltigt seine Tochter und zeugt ein Kind mit ihr, ein anderer Vater verspeist seine Kinder, eine Frau zerschmettert ihr Baby und tötet ihren Mann, ein Mann soll seine Tochter opfern und die Mutter rächt ihren Tod, ein Sohn erschlägt seine Mutter und wird darüber wahnsinnig – die Grausamkeiten nehmen kein Ende, Rache verewigt sie. Kristin Wardetzky tröpfelte bei jedem Toten, von dem sie erzählte, blutrote Farbe auf das weiße Tischtuch. Am Ende war das Tuch durchtränkt und noch immer Blut im Gefäß, denn das Blutvergießen endet nie.

(Foto: DiLenz)

Erzähl-Ensembles und viel Musik im Kreativhaus Mitte

Im Kreativhaus Mitte war es ein Abend der Erzähl-Ensembles und der Musik. Den Anfang machten das auf jüdische Musik spezialisierte Duo Schtedtledik zusammen mit zwei Erzähler*innen der Gruppe „Sieben&einStreich“. In einem Wechselspiel aus Sprache und Musik erzählten sie die jüdische Legende vom Golem. Dieser alten Prager Legende zufolge erschuf ein Rabbi, um einem Progrom zu entgehen, ein künstliches menschenähnliches Wesen, den Golem. Dessen fremde, mysteriöse Art wurde auf der Bühne vor allem musikalisch zum Leben erweckt, mit Gong, Maultrommel, Gitarre und jüdischen Liedern. Die bizarren „Menschen-Rezepte“, die ein Chor einleitend vortrug, sind nicht zur Nachahmung empfohlen…

Im zweiten Teil des Abends richteten Erzähler*innen und Zuschauer*innen erneut den Blick gen Himmel, um in dem Programm „An den Himmel geworfen – Sternstunden der griechischen Mythologie“ die antiken Götter in den Sternenbildern aufzuspüren. (Dies Erzählprogramm wurde auch schon am Vormittag in der anderen Spielstätte gezeigt.)

Den Abschluss gestalteten drei Erzähler*innen der Gruppe „Sieben&einStreich“ mit dem finnischen Mythos der Kalevala, der von der Schöpfung der Welt aus weiblicher Kraft und von starken Frauen erzählt. Die Männer haben diesem Mythos zufolge zwar auch Zauberkraft – sie können z.B. einem Mann den Hut vom Kopf blasen (ja das ist schon toll) – aber der weiblichen, schöpferischen Liebe können sie nichts entgegensetzen. Zu den Klängen von „Peer Gynt“ woben die Erzähler*innen ein Gespinst aus weißen Fäden, die im Schwarzlicht leuchteten, um das Geflecht von Geschichten und Balladen zu symbolisieren, aus dem die Kalevala besteht.

(Foto: Willy Brandes)

Es war allen Erzählerinnen und Erzählern ein Anliegen, die Kunst des Erzählens anlässlich des Weltgeschichtentags bekannter zu machen. Deshalb waren die Eintrittspreise niedrig, die Einnahmen wurden überdies zum größten Teil dem Verein Erzählkunst gespendet.

ProgrammWeltgeschichtentag 2019 zum Download

Interview im Kulturradio zum Weltgeschichtentag mit Erzähler Dirk Langer

Über den Weltgeschichtentag

Der World Storytelling Day findet seit 2004 immer am 20. März statt: An diesem Tag wird jedes Jahr rund um den Globus das freie mündliche Erzählen gefeiert. Es geht darum, Geschichten zu teilen, sich am Reichtum der Bilder, Sprachen und Geschichten zu erfreuen, sich weltweit verbunden zu wissen und neue Kontakte zu knüpfen.

Der Weltgeschichtentag hat aber auch einen politischen Hintergrund: schon in den 90er Jahren gab es sowohl in Skandinavien als auch in Lateinamerika Initiativen für einen Erzähltag am 20. März. Es war dann aber der Irakkrieg des Jahres 2003, mit der Bombardierung von Bagdad am 20. März, der schwedische Erzähler*innen dazu gebracht hat, den Impuls in die Welt hinaus zu tragen. Die Idee dahinter ist, dass das mündliche Erzählen verbindet und befriedet, weil Menschen miteinander und mit anderen Kulturen in Kontakt kommen.

Für einen weltweiten, verbindenden Feiertag eignet sich der 20. März besonders gut, denn es ist eine der beiden Tagundnachtgleichen, d.h. dieser Tag ist überall auf der Welt gleich lang, sogar am Nord- und Südpol ist es 12 Stunden lang hell und 12 Stunden lang dunkel.

Der Weltgeschichtentag gibt sich jedes Jahr ein Thema, bisher gab es u.a. Vögel, Brücken, der Wanderer, Träume, Licht und Schatten, Wasser. Zwischen 5 und 25 Länder waren seit 2004 jedes Jahr dabei, mit nur einer oder auch mit Dutzenden von Veranstaltungen landesweit.

Was passiert nun am Weltgeschichtentag? Das Spektrum der Aktivitäten ist breit gefächert, denn Geschichten erzählen kann man überall. Neben Auftritten von Erzähler*innen an bekannten Veranstaltungsorten wie Kulturzentren oder Bibliotheken, gibt es auch ausgefallene Aktionen. So wird in Hamburg jedes Jahr ein Geschichtenzelt im Stadtpark aufgestellt und der Eintritt ist ein Holzscheit fürs Lagerfeuer. In Österreich wurden 2007 die Geschichten auf Wanderungen erzählt. In Singapur traten die Erzähler*innen bei einer Sternfahrt auf – in der Metro. Und in den Niederlanden besuchten die Erzähler*innen – in 2011, das Thema war Wasser – mit einer Spülbürste bewaffnet ihre Nachbarn, um ihnen abends beim Abwaschen Geschichten zu erzählen, natürlich vom Wasser.